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Stand: 23.08.2017

Pressemitteilung

Bewegung beginnt im Kopf

Anette Jansen mit ihrer Skulptur 'Die Idee - damals wie heute' Anette Jansen mit ihrer Skulptur "Die Idee - damals wie heute" © Patricia Mangelsdorff

Herausgekommen ist eine Ausstellung im gleis 7 des Wormser Caritasverbandes, bei der eines garantiert nicht aufkommt: Langeweile. Kein Wunder, dass es bei der Vernissage am 30. November 2017 richtig eng wurde.

Man meint, sie vor Freude jauchzen zu hören: Eine hagere Gestalt streckt triumphierend eine Radfelge gen Himmel. Oder wirft sie sie in die Luft? Dabei lassen die Materialien dieser Arbeit von Anette Jansen zunächst kaum an Lebendigkeit denken. Aus Beton und Metall ist ihre Skulptur, umwickelt mit von Rost durchdrungenem Stoff. Und doch ist überschwängliche Freude im Spiel. "Die Idee - damals wie heute" heißt das Werk, das Anette Jansen zum 200-jährigen Jubiläum der Erfindung des Fahrrads geschaffen hat. Man denkt vielleicht an die Redensart vom Rad, das man schließlich nicht zweimal erfinden müsse. Stimmt, muss man nicht. Aber man kann. Denn es gibt eben Ideen mit ähnlicher Wucht und Wirkung, wie die des Rades. Die des Zweirades zum Beispiel... und sie wird in dieser Ausstellung gefeiert.

Anneliese Kuhnen vor 'Auf dem Hochseil'.Anneliese Kuhnen vor "Auf dem Hochseil"© Patricia Mangelsdorff

Als Sigrid Spiegel, zuständig für Kultur im gleis 7, Künstlerinnen und Künstler aus unserer Stadt und Region zu einer Ausstellung zur Erfindung des Zweirads einlud, kamen sofort viele begeisterte Zusagen. 23 Kreative stellen nun ihre Werke in der Renzstrasse 3 vor, die meisten eigens für diese Ausstellung geschaffen: von Stefan Ahlers über Petra Kaster, Anneliese Kuhnen und Ute Ringwald bis Stefan Still - um nur einige Namen zu nennen.

Für Michael Dinges aus dem Wormser atelierblau ist das Rad Sinnbild für Bewegung. Und die, so sagt er, beginne im Kopf. Voller Kreise ist der große Kopfumriss auf leuchtend gelbem Untergrund. Über und über bedeckt ist das Bild vom Wort "Bewegung" in vielen Zusammenhängen: ...für Demokratie ...für Freiheit ...für Europa. Und für Inklusion: die Begegnung und Zusammenarbeit verschiedenster Menschen auf Augenhöhe, wie sie von den KünstlerInnen des atelierblau und den Mitarbeitenden des café gleis 7, die die Gäste auch bei dieser Vernissage wieder kulinarisch stärkten, gelebt wird. Auch die Entstehung von "Bewegung im Kopf" ist inklusiv, denn gemeinsam mit Michael Dinges arbeiteten Katja Amrein und Horst Rettig an dem Bild.

Auch hier fühlt man sich leicht an eine Redensart erinnert: Unser Kopf sei rund, so sagte der französische Maler und Schriftsteller Francis Picabia, damit unser Denken die Richtung ändern könne. Karin Arns-Germann gibt dafür ein Beispiel mit ihrer "Hommage an Picasso", wie sie bescheiden schmunzelnd ihre Skulptur aus einem alten Fahrradsattel und Metallhörnern genannt hat. Stierkopf? Fahrradlenker? Alles möglich, solange unser Denken nicht erstarrt, sondern flüssig bleibt. Wie das all derjenigen, die zu dieser Ausstellung beigetragen haben: Holger Schenk aus dem Radhaus der Wormser Lebenshilfe verbindet Fahrradketten zu bewegten Herzen, Anneliese Kuhnen spielt mit Miniaturfahrrädern auf Hochseil und Öl, Stefan Ahlers würdigt fotografisch die hohe Kunst der Auswuchtung, Ute Ringwald zeigt pralle Radfahrerinnen, ungerührt von sportlichem Ehrgeiz und in ihrer ganzen Bewegungslust, Ingrid Kußmaul widmet sich mit Fundstücken aus der Werkstatt ihre Mannes dem Rad der Globalisierung, das sich nur noch weiter und nicht mehr zurückdrehen lässt...

Man ahnt es schon: Die Wandarbeiten und Skulpturen könnten in Material und Arbeitsweise unterschiedlicher kaum sein. Dennoch gelingt es Sigrid Spiegel in ihrer Einführung, mit einer rasanten und doch detailreichen Entwicklungsgeschichte des Fahrrads von damals bis heute einen roten Faden durch die Ausstellung zu legen: Karl Freiherr Drais von Sauerbronn suchte - angetrieben von Futtermittelknappheit durch eine von einem Vulkanausbruch ausgelöste Klimaveränderung - nach einem Beförderungsmittel, das Menschen unabhängig von Pferd und Kutsche machte. Im Juni 1817 brachte er es zwar zu einer Jungfernfahrt vom Schloss Mannheim bis zur kurfürstlichen Sommerresidenz in Schwetzingen und wieder zurück, nicht aber zu Erfolg, Geld und dem Durchbruch des Zweirades. Weiter nimmt Sigrid Spiegel die vielen Zuhörer mit zum unfallträchtigen Hochrad bis hin zum Fahrrad als weltweit meistgenutztem Transportmittel, zu seiner Entwicklung zum kultigen Status- und Fitnesssymbol und zum E-Bike als Lückenfüller zwischen Fahrrad- und Kleinwagen... Und immer gelingt es ihr, Verbindungen zu den ausgestellten Werken zu knüpfen. Wie zum Leben überhaupt: Albert Einstein habe gesagt, das Leben sei wie ein Fahrrad. Man müsse sich vorwärts bewegen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

Wer sich eine anregende Auszeit vom vorweihnachtlichen Trubel gönnen möchte, ist herzlich ins gleis 7 eingeladen. Zu sehen ist die Ausstellung bis zum 19.Januar 2018.

Öffnungszeiten der Ausstellung: vom 01.12.2017 -19.01.2018 , mo - fr von 9.00 - 17.30 Uhr, gleis 7, Renzstraße 3, 1. OG (Zugang durchs café gleis 7)



Text und Bilder: Patricia Mangelsdorff, freie Autorin und Journalistin