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Stand: 23.08.2017

Pressemitteilung

Heimat ist das, was fehlt. Flüchtlinge sagen mit Bildern, was für sie Heimat bedeutet.

Es geht um die Frage: Was bedeutet für die jungen Flüchtlinge Heimat? Die Antworten wollen sie anschließend gemeinsam in Fotos ausdrücken.

Frau Bertz links mit Teilnehmern der ArbeitsgruppePatricia Mangelsdorff

"Welche Orte oder Menschen geben Euch hier das Gefühl, zu Hause zu sein? Oder ist Heimat das, was Ihr verlassen musstet?" Eva Bertz fragt zunächst auf Deutsch, denn Wasim, seit ca. eineinhalb Jahren hier, spricht die Sprache sehr gut. Dennoch muss er die richtigen Worte suchen. Denn es geht um Gefühle. Und über die redet es sich nicht so leicht - noch dazu, wenn es um schmerzliche geht.

Einfache Antworten gibt es heute keine. Das zerbombte Homs sei für ihn kein zu Hause mehr, sagt Wasim*: "...auch, wenn ich meine Familie dort sehr vermisse - ich habe Angst, dort gar nichts mehr zu finden. Ich versuche, meine Heimat hinter mir zu lassen." "Und gibt es hier schon so etwas wie ein zu Hause?" fragt Alexandra Heinecker. "Nein...ich weiß ja gar nicht, ob ich auf Dauer hierbleiben kann."

Fotografieren, was man nicht hat?
Nicht mehr dort; noch nicht hier. Heimat ist das, was fehlt. Wie fotografiert man das?Wasims Idee: Am Seebach, mitten in Osthofen, gibt es eine Baustelle, davor ein hoher Zaun, zum Teil mit Stacheldraht gesichert. Steht man direkt in der idyllischen Uferbegrünung, schaut man auf die Steinhaufen eines Abrisses. Dort will er sich von seinem Freund Ahmed aufnehmen lassen. Zurückblickend. Am Grenzstreifen zwischen einer heilen Welt und einer, die in Schutt und Asche liegt.

Heimat braucht Verstehen und verstanden Werden.
Wasim beklagt sich über all das nicht. Er ist entschlossen, das Beste aus seiner Situation zu machen. Obwohl sich für ihn aktuell noch nichts nach Heimat und Geborgenheit anfühlt, hat er sich einen wichtigen Anker selbst erarbeitet - die Sprache. Für ihn ist klar: Heimat kann nur entstehen, wo er versteht und verstanden wird.

Geholfen haben ihm beim Deutschlernen sicher sein Schulenglisch und -französisch. Deshalb kann er nun auch für Ahmed, ebenfalls aus Syrien, übersetzen. Doch auch die beiden müssen, trotz gemeinsamer Muttersprache, immer wieder nach den richtigen Worten suchen. Oft vertiefen sie sich so sehr ins Gespräch, dass Wasim das Übersetzen vergisst. Geduldig fassen Frau Bertz und Frau Heinecker in Worte, was sie verstanden haben; fragen nach, ob es so stimmt. Schließlich finden sie gemeinsam die Worte, die zusammenfassen, was Ahmed empfindet: Sicherheit sei zwar wesentlich dafür, sich zu Hause zu fühlen. Aber Heimat bedeute eben mehr: "Hier bin ich in Sicherheit - aber mein Herz ist noch in Syrien bei meiner Familie, die dort in Gefahr ist."

Ahmed zeigt ein Handyfoto seiner kleinen BrüderWasim und Ahmed

Zu Hause - das ist im Handy gespeichert.
Das Handy wird im Zentrum seines Fotos stehen. Wie für alle Flüchtlinge bedeutet es auch für ihn Kommunikation mit denen, die ihm nah und gleichzeitig weit entfernt sind. Und es speichert Bilder: Erinnerungen, aber eben auch die Gegenwart, die er selber nicht erleben kann. Ein Foto seiner beiden kleinen Brüder wird er in die Kamera halten. Sein Bild für Heimat.

Auch für Mulugeta führt das Wort Heimat nicht zurück nach Eritrea. Mit ihm und Abrahale ist die sprachliche Verständigung am Schwierigsten: Ein wenig Englisch sprechen sie, kaum Deutsch. Die zwei Caritasmitarbeiterinnen lassen sich davon nicht beirren. Sie wissen: Mit Geduld und Einfühlungsvermögen kann man Viel voneinander erfahren. Etwa, dass auch für Mulugeta ein Foto auf seinem Handy große Bedeutung hat. Darauf ist er selber zusammen mit Julia Martens zu sehen, einer  Kollegin von  Eva Bertz und Alexandra Heinecker. Er habe zwar kein zu Hause, aber in Julia habe er jemanden gefunden, der wie eine große Schwester für ihn sei. Und dieses Bild, auf dem beide herzlich lachen, habe für ihn deshalb sehr viel mit Heimat zu tun.

Für Abrahale war Eritrea in seiner Kindheit ein gutes zu Hause. Damit aber sei es aber vorbei gewesen, sobald der Militärdienst näher rückte. Die Armee gilt als repressives und willkürliches System, der Militärdienst kann viele Jahre dauern und wird als einer der häufigsten Fluchtgründe für das Land genannt. Abrahale ist der Einzige an diesem Morgen, für den der Ort, an dem er lebt, auch tatsächlich sein zu Hause ist: Sein Foto wird ihn selber vor seiner Haustür in Bechtheim zeigen, wo er gemeinsam mit anderen jungen Eritreern lebt.

Nach zwei Stunden konzentrierter Arbeit sind vier Motive gefunden. Der Regen ist vorbei, die Sonne zeigt sich - und die Gruppe bricht auf, um zu fotografieren.

*  Aus Sicherheitsgründen können die Flüchtlinge ihre vollständigen Namen nicht nennen.


Text
Patricia Mangelsdorff, freie Autorin und Journalistin
Bilder
Patricia Mangelsdorff
Die vier Bilder mit Schriftzug: Wasim und Ahmed



 

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