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Stand: 23.08.2017

Pressemitteilung

Zu spät ist es nie!

Seit gut drei Jahren lernt er nun jeden Dienstagmorgen in einer kleinen Gruppe Erwachsener Lesen und Schreiben - wenn es seine wechselnden Arbeitszeiten irgendwie zulassen.

Erinnern Sie sich? Mit sechs oder sieben probierten wir, die Buchstaben auf Plakaten und Verpackungen auszusprechen. Eine große Tür in die Welt der Erwachsenen öffnete sich damit. Ein halbes Jahrhundert später teilt Herr H. diese Erfahrung. Auch er freut sich darüber. Aber in die Freude, so sagt er, mische sich auch Bedauern über die verlorene Zeit.

"Das trifft einen schon sehr."
"Nicht geeignet." Diese zwei Worte, notiert von einem Beamten der Schulbehörde, sollten nach einem kurzen standardisierten Einschulungstest lange Strecken seines Lebensweges vorzeichnen. Anfang der 60er Jahre bedeutete das: Sonderschule. "Auf dem Schulweg mussten wir an der Neusatzschule vorbei. 'Dummschüler' riefen sie uns dort immer hinterher - das trifft einen schon sehr." Sogar heute käme es noch vor, dass ihn Menschen so nennen.  

An eine Lehrerin erinnere er sich, die sich damals um Motivation der Schüler in der Wormser Hagenstraße bemühte. Und natürlich hätten auch seine Eltern versucht, ihn zu mehr Fleiß beim Lernen zu überreden. Leider habe er selber damals aber zu wenig Interesse am Lernen gehabt. Er habe mal überschlagen, wie lange er die Schule tatsächlich besucht habe. Nach neun Jahren Schulzeit sei er auf ungefähr fünfeinhalb gekommen - nach Abzug aller Fehlzeiten.

Nach dem Schulabschluss mit 16 konnte Herr H. weder Lesen noch Schreiben. Arbeit zu finden war aber zunächst kein Problem, denn Anpacken konnte und wollte er. Als Hilfsarbeiter auf Baustellen fing er an, arbeitete jahrelang in der Metallkonstruktion und auf Montage. Zumindest bis Winterbeginn konnte er sich mit all dem jahrelang gut über Wasser halten, wenn er auch Kurzarbeit und  Arbeitslosigkeit mit Leistungen des Arbeitsamtes überbrücken musste.

Mit der Zeit wurde Lesen und Schreiben aber immer wichtiger, um Arbeit zu finden. Montagearbeit bedeutete auch, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu reisen und Hotels zu buchen. Die Bedeutung des Internets wuchs rasant, Arbeit war sowieso knapper geworden. Um über die Runden zu kommen, wurden zu seinem Leidwesen Leistungen des Jobcenters immer wichtiger für ihn. Auch an Qualifizierungen nahm er teil. Aber ein Alphabetisierungskurs sei nie erwähnt worden "...obwohl ja dort von Anfang an bekannt war, dass ich nicht lesen und schreiben kann."


Das Verheimlichen belastet ihn schwer.

Bis zu jenem wichtigen Moment vor dreieinhalb Jahren, als ein ihm bis dahin unbekannter Mitarbeiter des Jobcenters ihn auf den Kurs des Caritasverbandes hinwies und er sich dort sofort anmeldete. Das bedeutete einen tiefen Einschnitt in seinem Leben. Fast zur zweiten Natur war ihm das Verheimlichen geworden. "Viele Worte habe ich mir wie Bilder eingeprägt," erzählt er. "Wenn ich jemanden fragen musste, z.B. um einen Fahrplan zu verstehen oder den Inhalt einer Verpackung herauszufinden, habe ich gesagt, ich hätte meine Brille vergessen." Busse haben zum Glück Nummern. Die konnte er sich schon immer gut merken. Telefondisplays nutzte er mit Hilfe der Zahlen vor den eingespeicherten Namen. Selbst in seinen zwei Partnerschaften versuchte er es mit Verschweigen. In einer gelang ihm das auch zwei Jahre lang.

Mit der Belastung durch Scham und Heimlichkeit ist es leider nicht vorbei. Noch ist Lesen und Schreiben mühsam für ihn, obwohl er sehr viel zu Hause übt. Tief sitzt die Angst vor oft erfahrener Abwertung und Stigmatisierung. Weiterhin weiß nur seine allerengste Familie Bescheid. Sein "Handicap" spricht er nur an, wenn es unvermeidbar ist.

Ein großer Moment: Der erste Arbeitsvertrag seit langem.
Um so bedeutsamer ist, dass er gerade seinen ersten Arbeitsvertrag seit langem in der Hand hält. "Beim Vorstellungsgespräch musste ich ja sagen, dass es mit dem Schreiben und Lesen immer noch sehr langsam geht." Kein Problem habe der Arbeitgeber das gefunden. Und nicht nur das: Er habe im Arbeitsvertrag festgelegt, dass die Dienstagvormittage für ihn frei bleiben, damit er weiterhin den Kurs besuchen könne.

Er will ermutigen: "Ich hätte nie gedacht, dass ich nochmal so weit komme."
Mehr Unterrichtsmöglichkeiten und -zeiten für sich und andere in seiner Situation wünscht er sich. Und auch seiner Kursleiterin Ursula Sehrt, die seit 20 Jahren Alphabetisierungskurse für Erwachsene gibt, ist das ein großes Anliegen. "Intensiverer Unterricht würde den Menschen sehr helfen." Herrn H. Ist noch etwas anderes sehr wichtig: "Ich möchte wirklich Menschen in meiner Lage ermutigen, Lesen und Schreiben zu lernen. So früh wie möglich anfangen ist gut - aber zu alt ist man nie! Ich hätte nie gedacht, dass ich nochmal so weit komme."


v.l.n.r.: Petra Steinbrede, Mitarbeiterin der Allgemeinen Lebensberatung Worms e.V. und Kursleiterin Ursula Sehrt v.l.n.r.: Petra Steinbrede, Mitarbeiterin der Allgemeinen Lebensberatung Worms e.V. und Kursleiterin Ursula Sehrt © Patricia Mangelsdorff

Der Alphabetisierungskurs ist ein Angebot der Allgemeinen Lebensberatung des Caritasverbandes Worms e.V.

Weitere Informationen darüber erhalten Sie bei Petra Steinbrede im CaritasCentrum St.Vinzenz in der Kriemhildenstraße 6 unter der Telefonnummer 06241 2681-278 oder steinbrede@caritas-worms.de sowie unter 06241 26 81 23 (Sekretariat).
Dort werden alle Informationen streng vertraulich behandelt!

Viele Angebote, Hilfen und Lehrmaterialien finden Sie auch auf der Homepage des Bundesverbandes für Alphabetisierung und Grundbildung unter www.alphabetisierung.de. Das Alfa-telefon des Verbandes bietet telefonische Beratung unter 0800 53 33 44 55.

Welttag der Alphabetisierung am 8. September
In Deutschland können mehr als 7 Millionen erwachsene Menschen nicht richtig lesen und schreiben.
Mit dem Welttag der Alphabetisierung erinnert die UNESCO jedes Jahr am 8. September daran, dass lesen und schreiben zu können Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben ist. Weltweit sind es etwa 758 Millionen Menschen. Fast zwei Drittel von ihnen sind Frauen und Mädchen.




Text und Bild:
Patricia Mangelsdorff, freie Autorin und Journalistin