Abhängigkeiten entstehen schleichend und oft unbemerkt von Angehörigen. Oft erschwert Scham den Weg zu Beratungsstellen – dabei gibt es Hilfe aus der Krise. Dies ist ein KI-generiertes Symbolbild.© Caritasverband Worms e.V./KI-generiert
Für Frau M., die eigentlich anders heißt, begann alles mit einer Schulteroperation. Die 54-Jährige bekam Tilidin verschrieben, um die Schmerzen nach dem Eingriff zu lindern. Eigentlich sollte sie das Medikament nur wenige Wochen nehmen. Doch die Schmerzen blieben, die Rezepte wurden verlängert - und Tilidin wurde für sie nach und nach zu einem festen Bestandteil ihres Alltags.
Als plötzlich ihr Partner starb, veränderte sich die Situation. Zur körperlichen Belastung kam eine schwere persönliche Krise. Frau M. bemerkte, dass das Medikament nicht nur ihre Schmerzen dämpfte. Es verschaffte ihr auch Ruhe, nahm für eine Weile etwas von der Trauer und half ihr, weiterzumachen.
Zunächst ging es ihr vor allem darum, zu funktionieren - bei der Arbeit, zu Hause, gegenüber ihrer Familie. Doch mit der Zeit nahm sie immer mehr Tilidin ein. Schließlich ließ sie sich das Medikament auch von verschiedenen Ärztinnen und Ärzten verschreiben. Gleichzeitig verbarg sie die Einnahme. Frau M. zog sich zurück, litt unter Schlafproblemen und starken Stimmungsschwankungen. Trotz der Medikamente klagte sie immer häufiger über Schmerzen.
Über Jahre merkte ihr Umfeld nicht, wie regelmäßig sie Tilidin nahm. Erst als ihr Sohn deutliche Veränderungen an ihrem Wesen ausmachte und sie darauf ansprach, kam etwas in Bewegung. Frau M. schämte sich. Sich selbst und anderen gegenüber einzugestehen, dass sie die Kontrolle über den Konsum verloren hatte, fiel ihr schwer.
Schließlich vereinbarte sie gemeinsam mit ihrer Familie einen Termin bei der Caritas-Fachstelle für frauenspezifische Suchtarbeit in Worms.
Eine Abhängigkeit entsteht oft schleichend
"Frau M.s Geschichte steht beispielhaft dafür, wie unauffällig sich eine Abhängigkeit von Schmerzmitteln entwickeln kann", sagt Heike Sohl. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Melanie Reppmann betreut sie die Klientinnen in der frauenspezifischen Suchtberatung. Medikamente wie Tilidin, Oxycodon oder Morphin gehören zu den Opioiden. "Sie können bei starken Schmerzen medizinisch notwendig sein, bergen bei längerer oder nicht bestimmungsgemäßer Einnahme jedoch ein Abhängigkeitspotenzial", erklärt Melanie Reppmann.
Problematisch werde der Konsum häufig nicht von einem Tag auf den anderen. "Die Medikamente werden zunächst aus einem nachvollziehbaren Grund eingenommen. Manche Menschen bemerken erst allmählich, dass sie häufiger zur Tablette oder zu den Tropfen greifen, die Dosis erhöhen oder zunehmend Angst davor haben, ohne das Medikament Schmerzen oder den Alltag nicht mehr bewältigen zu können", berichten die Suchtberaterinnen.
Auch der Gedanke an die nächste Einnahme könne immer mehr Raum einnehmen. Manche Betroffene fingen damit an, ihren Konsum zu verheimlichen oder sich von Familie und Freunden zurückzuziehen.
Dabei können Schmerzmittel mit der Zeit eine Funktion übernehmen, die über ihre ursprüngliche Wirkung hinausgeht: Sie dämpfen nicht nur körperliche Beschwerden, sondern möglicherweise auch Angst, Anspannung, Trauer oder Überforderung. "Gerade dann kann es schwierig werden, die eigene Entwicklung als problematisch wahrzunehmen", so Reppmann.
Scham erschwert den Weg zur Hilfe
Bei Frauen können unterschiedliche Belastungen zusammentreffen. Chronische Schmerzen, familiäre Verantwortung, Beruf, die Pflege von Angehörigen oder belastende Lebensereignisse können eine Rolle spielen. Hinzu kommen bei manchen Betroffenen psychische Belastungen wie Ängste, depressive Phasen oder Trauer.
"Viele Frauen versuchen lange, ihren Alltag trotz zunehmender Probleme aufrechtzuerhalten. Nach außen funktioniert vieles weiter. Umso größer kann die Scham sein, wenn die eigene Medikamenteneinnahme außer Kontrolle gerät", weiß Heike Sohl.
Genau hier setzt die frauenspezifische Suchtberatung an. Die Beraterinnen begegnen Betroffenen ohne Vorwürfe und unterstützen sie dabei, die eigene Situation zunächst einzuordnen. Gemeinsam kann anschließend geklärt werden, welche weiteren Hilfen sinnvoll sind. "Denn eine Abhängigkeit ist keine Frage mangelnder Willenskraft. Sie ist behandelbar - und Unterstützung kann in jeder Phase in Anspruch genommen werden", wissen die Beraterinnen.
Heute geht es Frau M. wieder gut
Auch Frau M. brauchte Zeit, um ihre Situation anzunehmen. Mit professioneller Unterstützung konnte sie ihre Medikamentenabhängigkeit therapeutisch bearbeiten. Gleichzeitig lernte sie neue Möglichkeiten kennen, mit Schmerzen, Trauer und belastenden Situationen umzugehen.
Heute geht es ihr wieder gut. Ihre Geschichte zeigt auch: Der Weg aus einer Medikamentenabhängigkeit muss nicht allein gegangen werden. Oft ist bereits das erste vertrauliche Gespräch ein wichtiger Schritt.
Kontakt
Die Fachstelle für frauenspezifische Suchtarbeit des Caritasverbandes Worms e.V. (Renzstraße 3, Worms) bietet Frauen vertrauliche und individuelle Beratung. Sie ist kostenlos. Gemeinsam mit den Betroffenen entwickeln die Mitarbeiterinnen passende nächste Schritte und begleiten bei Bedarf den Weg in eine weiterführende Behandlung. Weitere Informationen gibt es unter ffs@caritas-worms.de sowie unter Telefon 06241 48036-312 (Heike Sohl) oder 06241 48036-316 (Melanie Reppmann) und unter www.caritas-worms.de/sucht.