Der Deutsche Caritasverband e.V. ist alarmiert von den Entwicklungen der Suizidraten in Deutschland. Nach aktuellen Zahlen bleibt Suizid weiterhin die häufigste Todesursache bei jungen Menschen. Gleichzeitig nehmen Suizide von Menschen über 65 Jahren dramatisch zu. Hier ist die Suizidrate seit 2020 um 30 Prozent angestiegen. In dieser Altersgruppe ist die Zahl der assistierten Suizide besonders hoch. Es sind hier vor allem Frauen, die Suizidassistenz in Anspruch nehmen.
"Diese Zahlen müssen uns als Gesellschaft wachrütteln. Sie sind Ausdruck einer Kultur, in der Lebensmut immer enger an Leistungsfähigkeit gekoppelt ist”, warnt Caritas-Präsidentin Eva Welskop-Deffaa. "Offenbar sind gerade Frauen, die lebenslang Care-Verantwortung getragen haben, von der Angst geplagt, anderen zur Last zu fallen. Angebote der Suizidassistenz lassen bei ihnen den Druck entstehen, sich mit der Frage auseinander setzen zu müssen, ob das eigene Leben noch lebenswert ist. Wir brauchen eine entschlossene Suizidpräventionspolitik - für alle!”
Der Deutsche Caritasverband fordert den Bundestag auf, noch in diesem Jahr ein Suizidpräventionsgesetz auf den Weg zu bringen.
Motive, Gefahrenlagen und Methoden des Suizids unterscheiden sich je nach Alter, Geschlecht und Lebenslage. Zielgruppenspezifische Angebote sind unabdingbar, um zu verhindern, dass Suizid als einziger Ausweg erscheint und dass Nachahmungs-Effekte provoziert werden. Dazu gehört in jedem Fall eine breit wirksame Methodenrestriktion, die dem spontanen Impuls Grenzen setzt und Menschen in suizidalen Krisen Zeit für neue Perspektiven auf das Leben schenkt.
Das bedeutet nicht nur die Beschränkung des Zugangs zu Hotspots an Bahngleisen, Brücken und Türmen durch Zäune. Ebenso wichtig sind nach Auffassung des Deutschen Caritasverbands Zugangsbeschränkungen zu tödlichen Arzneimitteln und "Zäune" um die Suizidassistenz, damit das Angebot der Sterbehilfe die Menschen nicht schneller erreicht als Hilfen, die ein Weiterleben erstrebenswert erscheinen lassen.
Eva Welskop-Deffaa: "Wir fordern eine konsequente Methodenrestriktion, die alle Altersgruppen in ihren spezifischen Bedürfnissen in den Blick nimmt: die Altenhilfe und den für sie so wichtige Schutzgedanken bei Pflegebedürftigkeit ebenso wie gesellschaftliche Anstrengungen gegen Einsamkeit."
Der Deutsche Caritasverband setzt sich dafür ein, Werbung für Angebote der Suizidassistenz zu untersagen. "Menschen, die nicht mehr leben wollen, brauchen zuerst einmal jemanden, der ihnen zuhört und nach den Ursachen ihres Todeswunsches fragt. Die Forschung zeigt: Oft verschwindet ein Suizidwunsch, wenn sich Menschen gehört fühlen."
Es gilt, wirksame und niedrigschwellige Angebote, die suizidgefährdete Menschen erreichen, auszubauen und in die Regelfinanzierung zu bringen. Ein derartiges Angebot ist z.B. die Peer-to-Peer online-Beratung für junge Menschen [U25]. "Gerade in unserer medial inszenierten ‚Turbo-Leistungsgesellschaft‘ gilt es, individuelle Grenzen anzuerkennen und Räume des Miteinander-Füreinanders in allen Altersgruppen zu öffnen", so Welskop-Deffaa. "Suizide werfen lange Schatten auf das Leben von Angehörigen und Fremden. Es ist wichtig, Suizidgefahren rechtzeitig zu erkennen, um sie abwenden zu können."
Quelle: Statistisches Bundesamt • Gesundheitsberichterstattung des Bundes • www.gbe-bund.de • Datenblätter vom 28.10.2025 • Darstellung und Berechnung: K. Wache, Universität Kassel, 2025
Soziodemographische Merkmale, Bayern, Summe aus 2020-2024
Quelle: Dr. Andrea Buschner, Dipl.-Soz. / Prof. Dr. med. Sabine Gleich / Dr. med. Ass. jur. Benno Schäffer (2025)