Geselligkeit statt Einsamkeit
Mit Senioren-WGs bietet die Caritas in Worms und der Region Betreuung und Pflege nach individuellen Bedürfnissen - auch mit Demenz
Genießt das Leben in der WG und hat den Umzug nicht bereut: Hans Lautenschläger lebt mit seinen 96 Jahren im Caritas-Haus St. Sebastian in Worms-Abenheim.© Caritasverband Worms e.V./Sandra König
Worms. Donnerstagmorgen, 10.30 Uhr. Im hellen Gemeinschaftssaal der Senioren-WG St. Sebastian in Worms-Abenheim sitzt Hans Lautenschläger am Fenster. Vor ihm liegt die Tageszeitung, die er in der vergangenen Stunde aufmerksam studiert hat, auch wenn er dafür längst eine Lupe braucht. Jeden Tag ist sie seine geliebte Begleiterin und Routine - sie und das Team um WG-Leiterin Olesya Mayer: "Seit ich hier lebe, muss ich mir um nichts mehr Gedanken machen", sagt der 96-Jährige und lächelt. Dabei war ihm die Entscheidung zum Umzug zunächst gar nicht leichtgefallen.
Hans Lautenschläger erinnert sich noch ganz genau: Es war ein Samstagmorgen vor gut zwei Jahren, als ihm klar wurde: Er kann und will die Treppe ins Obergeschoss seines Hauses in Osthofen nicht mehr bewältigen. Zu schwer fallen ihm die Stufen, zu schlimm schmerzen die Knie. Auch wenn er sehr an seinem Zuhause hängt: "Ich konnte nicht mehr", erinnert sich Hans Lautenschläger. Doch seine Tochter hat Rat. Sie arbeitet bei der Caritas in Worms - und weiß um ein freies Zimmer in St. Sebastian. Ihr Vater sagt zu. Dann geht alle zügig.
"Hier sitzt man nicht blöd zu Hause rum und langweilt sich." (Hans Lautenschläger, 96)
Seit seinem Umzug habe sich sein Leben sehr zum Positiven verändert, berichtet 96-Jährige, der früher als gelernter Speditionskaufmann und Schifffahrtsspediteur in den Häfen Europas unterwegs war und mit Klienten weltweit über Lieferverträge verhandelte. 25 Jahre habe er mehr oder weniger alleine gelebt; nun könne er jederzeit Gesellschaft haben, wenn ihm danach sei. "Wir haben hier ein gutes Verhältnis untereinander. Hier sitzt man nicht blöd zu Hause rum und langweilt sich", betont er. Und das gelte auch für die Pflege- und Betreuungskräfte. Immer wieder schicken sie ein Lächeln zu Hans Lautenschlägers Tisch - und er lächelt gern zurück. Ob bei der morgendlichen Gymnastik nach dem Frühstück, Spiele-Runden oder dem täglichen Kaffeetrinken am Nachmittag: "Wenn ich Gesellschaft will, finde ich sie hier, wenn nicht, ziehe ich mich auf mein Zimmer zurück", sagt der 96-Jährige und schiebt die Vase mit roten Rosen auf dem Tisch zurecht, die noch von seinem Geburtstag vor einigen Tagen stammen.
Derweil zieht der Duft von Hausmannskost durch den Raum: In den Töpfen in der großen, offenen Gemeinschaftsküche, die direkt an den Essbereich anschließt, köcheln Kartoffeln, Sauerkraut und Rindfleischsuppe vor sich hin. "Wir werden hier verwöhnt", sagt Lautenschläger und lacht einmal mehr. Er lebe im Schlaraffenland, betont er mehrfach an diesem Morgen. Denn wann immer möglich erfüllten WG-Leiterin Olesya Mayer und ihr Team auch Essenswünsche. "Bei Grießbrei sage ich nie nein", verrät der 96-Jährige.
Hausgekochtes Essen, Geselligkeit und Privatsphäre
Dass in den Senioren-WGs der Caritas frisch gekocht wird, ist für Sabine Schatt, Leiterin der Wohngemeinschaften im Caritasverband Worms e.V, selbstverständlich. Gemeinsame Mahlzeiten mit hochwertigen Speisen machten einen großen Teil des sozialen Lebens aus - im eigenen Zuhause ebenso wie in einer Wohngemeinschaft. "Am Tisch tauscht man sich aus, kommt ins Gespräch, erlebt Gemeinschaft", ist sie überzeugt. Das gelte für alle vier Häuser mit Senioren-Wohngemeinschaften, die der Caritasverband in Worms und Mörstadt unterhält. Dabei gibt es Einrichtungen mit und ohne Demenz-Schwerpunkt; die erste wurde bereits 2007 als eine der ersten ihrer Art in Rheinland-Pfalz eröffnet. "Wir tragen dem Wunsch vieler Menschen Rechnung, im Alter möglichst sozialraumorientiert und selbstbestimmt leben zu können", betont Sabine Schatt.
"Uns ist es wichtig, dass unsere Mieterinnen und Mieter so selbstbestimmt wie möglich leben können", sagt auch Katja Zamzow. Fachbereichsleiterin der Altenhilfe im Caritasverband Worms e.V. Ganz gleich, ob mit oder ohne Demenz: Es gehe um ein würdiges, gut versorgtes Leben, um Teilhabe und Geborgenheit in einem geschützten Raum und auf die individuellen Bedürfnisse angepasst. Darauf sollen sich auch die Angehörigen verlassen können. "Es ist entscheidend, dass wir ein gutes Vertrauensverhältnis pflegen. Wenn sie ihre Mutter oder ihren Vater bei uns gut untergebracht wissen, ist das eine wirkliche Entlastung", weiß Katja Zamzow. Dabei sind die Wohngemeinschaften zwischen der ambulanten Betreuung und Pflege und der vollstationären Versorgung einzuordnen. "Wir können in den kleinen WG-Einheiten flexibel auf Bedarfe eingehen - sei es von unseren Mieterinnen und Mietern oder vom Team", erklärt sie. Mit einem festen Pflegeschlüssel von 1:6 sei zudem sichergestellt, dass das Team wirklich Zeit für individuelle Pflege und echte Zuwendung habe. "Dieses Mehr ist und wichtig, es geht schließlich um die Menschen", sagt Katja Zamzow.
Und Hans Lautenschläger? Der hat die Entscheidung, in eine WG zu ziehen, nie bereut. "Wenn ich was Schlechten hier über das Haus und die Mitarbeiterinnen sagen würde, würde ich lügen", sagt er und rückt seinen Rollator am Tisch zurecht. Das Essen ist gleich fertig. Lächelnd begrüßt er seine Mitbewohner:innen, die nach und nach eintrudeln.
Kontakt
Weitere Informationen zu den Senioren-WGs des Caritasverbandes Worms e.V. gibt es bei Sabine Schatt, Leiterin der Wohngemeinschaften im Caritasverband Worms e.V., sabine.schatt@caritas-worms.de, Telefon 06241 9116-1006, sowie unter www.caritas-worms.de/wohngemeinschaften.