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Stand: 23.08.2017

Pressemitteilung

„Sie werden gebraucht.“

Sprachmittlergruppe sowie Ahmed Elkarori beim Bericht über seine Erfahrungen während der Ausbildung. Sprachmittlergruppe sowie Ahmed Elkarori beim Bericht über seine Erfahrungen während der Ausbildung. © Patricia Mangelsdorff

In Beratungsstellen, Behörden und im Bildungswesen sind sie nun zum Dolmetschen bereit. Dafür müssen sie weitaus mehr können, als komplizierte Fachbegriffe zu übersetzen.

Die Menschen, die an diesem Abend im Caritas-Info-Café in der Kriemhildenstrasse versammelt sind, haben schon einiges im Leben gemeistert. Sie haben einen Neuanfang in einem fremden Land hinter sich, mussten Sprache, Umgangsformen und Regeln entschlüsseln und sich in Situationen zurechtfinden, die ihnen so neu waren, dass sie kaum die richtigen Fragen stellen konnten. Einige von ihnen sind vor Krieg und Gewalt geflohen, leben getrennt von ihren Familien und erlitten schwere Verluste. Nun haben sie eine weitere, diesmal ganz offizielle Prüfung bestanden: Als SprachmittlerInnen oder angehende AlltagsdolmetscherInnen unterstützen sie nun andere. Mit ihrem Wissen, ihren Erfahrungen und vielem, was sie sich in den letzten Monaten neu erarbeitet haben.

Mitarbeitende von Wormser Beratungsstellen, Ämtern oder dem Jobcenter kennen das: Sprachbarrieren und kulturelle Missverständnisse führen oft dazu, dass sie Anliegen von Klientinnen und Klienten aus anderen Ländern nicht oder nur schleppend voranbringen können. Auch Familienmitglieder oder Freunde mit besseren Deutschkenntnissen können da oft nur begrenzt helfen: Wer für eine Familie aus Syrien oder Afghanistan dolmetscht, muss sich nicht nur in deutschem Sozialrecht auskennen, sondern sich auch in kulturelle Unterschiede hineindenken. Und: Immer wieder geht es auch um heftige Gefühle oder Gewalterfahrungen. Dabei die professionell nötige Distanz und Neutralität zu wahren, erfordert viel Übung - und ein hohes Maß an kritischer Selbstbeobachtung.

Teilhaben und mitentscheiden können - ein zutiefst menschliches Bedürfnis.
"Teilhaben und mitentscheiden zu können ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis...," so Fachbereichsleiter Georg Bruckmeir bei der Begrüßung. "...als Caritasverband möchten wir das Menschen ermöglichen - und das geht nur, wenn sie sich ausdrücken können. Ich danke Ihnen sehr dafür, dass Sie an dieser Brücke des Zugangs mitbauen und so einen Beitrag zu einer lebendigen Demokratie leisten!" Auch bei Alina Giesen von der Fachstelle für Migration und Integration Worms des Caritasverbandes bedankte er sich. Sie habe mit viel Kompetenz und Engagement dieses komplexe Vorhaben durchgeführt.

"Sie haben so viel Interesse und Einsatz gezeigt!"
Bei Alina Giesens Rückblick auf die vom Katholischen Bildungswerk Rheinhessen unterstützte Ausbildung wurde deutlich: Das gesamte Projekt war Teilhabe und Mitwirkung geprägt. Schon in der vorangegangenen Ausbildung zu Alltagsdolmetschern konnten sowohl die Teilnehmenden als auch Fachkräfte aus Stadt und Verbänden wertvolle Erfahrungen sammeln, die dann in die darauf aufbauende Sprachmittlerausbildung einflossen. Etwa die, dass es besonders für Frauen und bei Fragen rund um Schwangerschaft, Geburt, Frauen, Familie und Schule großen Bedarf gibt. So wirkten Fachleute aus der Familienberatung, die Hebamme Frau Stellmacher-Prölß, eine Schulsozialarbeiterin und Monika Diel, eine Mitarbeiterin des Frauenhauses Worms, maßgeblich an der inhaltlichen Gestaltung mit. Die Teilnehmenden hielten selber Referate und übten so mit freiem Sprechen und Recherche wichtige Kompetenzen fürs Dolmetschen. Alina Giesen: "Sie haben bei all dem so viel Interesse und Einsatz gezeigt!"

Schon zahlreiche Praxiseinsätze gemeistert
Viel Zeit nahm auch das von TrainerInnen des Dolmetschinszenierungsteams der Uni Mainz begleitete Training ein. Geübt wurden hier u.a. besonders herausfordernde Situationen: Wie meistern SprachmittlerInnen z.B. Gespräche mit mehr als zwei Teilnehmern, die womöglich gleichzeitig sprechen, weil es um emotionale Themen geht? Was, wenn ein Gespräch aus den Fugen gerät? Wenn Menschen weinen, von Angst oder Erinnerungen an Gewalt überwältigt werden? Auf welche scheinbar nebensächlichen Kleinigkeiten muss ich achten? Wie können Gruppenveranstaltungen wie etwa der Elternkurs in arabischer Sprache mit vielen Wortmeldungen gedolmetscht werden? "Das alles haben Sie sehr gut gemeistert..," so Alina Giesen, "...sowohl in den Trainingseinheiten, also auch in den 46 Praxiseinsätzen, die es bereits in der Beratung und bei Veranstaltungen wie dem arabischen Elternkurs gab."

Wie elementar für das Gelingen von Gesprächen oder Kursen die DolmetscherInnen sind, zeigte sich auch in den Berichten von Alaa Almounjd, Ahmed Elkarori und Shaimaa Ghazal. Sie betonten z.B., wie intensiv sie gelernt und geübt hätten, unbedingte Allparteilichkeit zu wahren. Shaimaa Ghazal: "Ich bin nicht da, um selber zu helfen, sondern um zu übermitteln."

Ein Ziel des Projektes ist auch, den Teilnehmenden den Aufbau einer beruflichen Existenz zu ermöglichen. Zum Auftragsmanagement haben sie bereits einiges gelernt: Was nehme ich an? Was lehne ich ab - etwa, weil ich zu emotional beteiligt bin, da es mich an meine eigene Geschichte erinnert? Im Dezember wird es noch ein Gründungsseminar mit einer Fachkraft der Wirtschaftspaten e.V. geben. Die nun folgende Phase wird vom Ministerium für Familie, Frauen, Jugend, Integration und Verbraucherschutz Rheinland-Pfalz unterstützt. Dazu gehören regelmäßige Reflexionstreffen, Dolmetschübungen und thematische Weiterbildungen bei Bedarf. "Sie gestalten all das grundlegend mit," schloss Alina Giesen. "Und ganz sicher ist: Sie werden gebraucht!"

Gruppe der SprachmittlerInnen mit ihren TeilnahmezertifikatenGruppe der SprachmittlerInnen© Patricia Mangelsdorff

AlltagsdolmetscherInnen und SprachmittlerInnen
Ende Mai 2017 schlossen 14 ehrenamtlichen AlltagsdolmetscherInnen aus 10 Nationen ihre Qualifikation beim Caritasverband Worms e.V. erfolgreich ab. Sieben von ihnen erhielten nach der darauf folgenden Aufbauschulung und insgesamt 138 Unterrichtsstunden jetzt ihre Abschlusszertifikate als SprachmittlerInnen. Damit können sie nun selbstständig auf Honorarbasis tätig werden.
Während der Aufbauschulung kamen weitere TeilnehmerInnen mit neuen Sprachen hinzu. Sie haben sich bereits wichtige Grundlagen erarbeitet, müssen aber weitere Schulungsschwerpunkte absolvieren, um als AlltagsdolmetscherInnen tätig zu werden.

Sowohl die ehrenamtlichen AlltagsdolmetscherInnen des Caritasverbands Worms e.V. als auch die SprachmittlerInnen sind für kultursensibles Dolmetschen im Sprach- und Bildungswesen ausgebildet und erklären bei Bedarf kulturelle Unterschiede und Missverständnisse. Sie handeln neutral, unterliegen der Schweigepflicht und halten sich an Datenschutzbestimmungen. In Worms und Umgebung können sie zurzeit Einsätze in folgenden Sprachen übernehmen:
•    Arabisch (verschiedene Dialekte)
•    Dari
•    Farsi (Persisch)
•    Kurdisch
•    Pashto
•    Russisch
•    Somali
•    Türkisch

In Ausbildung befindliche Sprachen:
•    Französisch
•    Italienisch
•    Rumänisch

Ansprechpartnerin
Alina Giesen
Fachstelle für Migration und Integration
Caritasverband Worms e.V.
Kriemhildenstraße 6
67547 Worms
Tel.: 06241 2681 271
Fax: 06241 2681 274
alltagsdolmetscher@caritas-worms.de
www.caritas-worms.de

Text und Fotos: Patricia Mangelsdorff
Freie Autorin und Journalistin